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anstrengend

Ich hege eine nahezu unüberwindliche Aversion gegen das kleine Wort "anstrengend".
Nicht im Allgemeinen, sondern lediglich in Bezug auf meine eigene Person.
Denn, so wird es mir Zeit meines Lebens gespiegelt: Ich bin anstrengend.

Die Vorstellung anstrengend zu sein war schon immer furchtbar und hat auch heute nichts von ihrem Schrecken eingebüßt.
Hätte ich je erfahren, was genau mich für andere anstrengend sein lässt, so hätte ich alles dafür getan, nicht länger anstrengend zu sein, aber ich habe bislang nicht herausfinden können, was genau der Punkt ist, der mich für andere anstrengend werden lässt.

Frage ich nach, erhalte ich keine Antwort oder es wird ein anderes unliebsames Wort in die Runde geworfen: kompliziert.

Ich habe in den all den Jahren - ganz unreflektiert - die Meinungen der anderen Menschen übernommen. Gepredigt von den Eltern, weiterführend von den Lehrern, gerne auch von Menschen aus dem weiten und nahen Umfeld.
Wenn man es oft genug hört, hinterfragt man nicht, sondern glaubt.

Diese Menschen können nicht alle irren, also wird es stimmen, allein, was macht einen Menschen zu einem anstrengenden Menschen und was macht einen Menschen kompliziert?

Dass ich kompliziert bin, steht außer Frage. Die Gedanken in meinem Kopf machen, was sie wollen und insbesondere nachts gehen sie seltsame Pfade und Wege.
Nur: Sie sind in meinem Kopf. Versteckt. Nur für mich sehbar, hörbar, fühlbar.
In der Regel gehe ich damit nicht hausieren, in dem Wissen (oder mit der Vermutung) dann nicht nur als anstrengend und kompliziert, sondern zudem auch noch als verwirrt bezeichnet zu werden.

Ich kenne andere anstrengende Menschen. Menschen, die für mich anstrengend sind, weil sich ihr Denken und Tun, ihr Handeln und Reden stets und ausschließlich um sie selber dreht.
Egal, worüber man redet, diese Menschen okkupieren jedes Gespräch, mischen sich ein, drängen sich auf und wenden das Gespräch in ihre Richtung.
Jedes Thema lässt sich mehr oder weniger gekonnt und geschickt auf das eigene Leben transferieren und diese Menschen haben schon alles erlebt, alles durchlebt, alles gesehen und gehört und sie wissen vor allem immer alles besser.

Der Verdacht, ich könnte genau so ein Mensch sein, ist mir nicht nur unangenehm, sondern lässt mich schaudern.

Anstrengende Menschen gehen anderen auf die Nerven. Niemand verbringt gerne Zeit mit Menschen, die zur Belastung werden, die penetrant in das eigene Leben eindringen und Platz und Zeit beanspruchen, den man nicht bereit ist an diese Menschen abzugeben.

Jeder hat mit seinem eigenen Leben genug zu tun und lädt sich nich noch gerne den Ballast anderer auf seine Schultern.

Ich habe schon früh beschlossen, nicht anstrengend sein zu wollen.
Mit dem Ergebnis, dass ich distanziert wurde, die meisten meiner Gedanken für mich behielt, lernte, Dinge mit mir selbst auszumachen und mir selbst häufig genug war,

Vielleicht ist genau das auch anstrengend für andere Menschen - ich weiß es nicht.

Das Thema treibt mich um, seit mir letzte Woche eine liebe Freundin wieder einmal erklärte, es sei sehr anstrengend mit mir.
Natürlich fragte ich nach, aber es kam keine Begründung, mit der ich hätte arbeiten können.

Anstrengend zu sein vermittelt mir ein furchtbar schlechtes Gefühl. Ein Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit, das Gefühl für andere Ballast zu sein, sie zu nerven, zu stören und Platz und Zeit einzufordern, die mir nicht zusteht und die anderweitig - mit anderen Menschen - besser zugebracht wäre.
Die Tatsache, als anstrengend empfunden zu werden, macht zudem auch unendlich traurig.
Denn natürlich möchte man nichts weniger, als den Menschen, die man liebt und schätzt zur Last zu fallen.

Es führt mich zu einem anderen Lebenspunkt, dem, nie auszureichen und nie gut genug zu sein.
Auch das zieht sich wie ein roter Faden durch mein bisheriges Leben und erst in den letzten Jahren, habe ich begonnen, mich bewusst damit auseinanderzusetzen und gezielt hinzuschauen, wo ich wirklich nicht ausreiche und gut genug bin und an welchen Stellen aber durchaus.

Mit dem Wort "anstrengend" jedoch komme ich nicht weiter und stehe nach wie vor mit ihm auf Kriegsfuß.

Ich könnte nun natürlich einfach glauben, was der Psychotest einer renommierten Frauenzeitschrift über mich sagt:



Sie sind nicht anstrengend. Niemand würde behaupten, dass Sie ihn genervt hätten. Sie drängen sich nicht auf, Sie fallen niemanden ins Wort, Sie bleiben auch in kritischen Situationen gelassen. Aber passen Sie auf, dass Sie mit dieser Haltung überhaupt noch wahrgenommen werden. Denn das Gegenteil von "anstrengend" ist "unauffällig". Und das wollen Sie doch auch nicht sein.



Na also bitte.
Ich wäre auf jeden Fall liebend gerne unauffällig, wenn es dann mit mir weniger anstrengend wäre.

Anstregend zu sein, ohne zu wissen, warum, ist übrigens sehr anstrengend und vor allen Dingen recht ermüdend, weil die Gedanken kreisen und nie zu einem Ende finden.

Letztlich ist und bleibt es eben kompliziert.
Mit dem Anstrengendsein.

Aber ich komme noch dahinter und vielleicht gelingt es mir ja irgendwann mal, einfach nur ein netter, unbeschwerter und liebenswerter Mensch zu sein.
Dafür ist es nie zu spät.
Nehme ich an.
;-)



augenBloglich 08.03.2014, 18.21

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Toll, dass Du wieder bloggst!
Ich wünsche Dir ein frohes neues Jahr und hoffe, ich lese Dich nun wieder regelmäßig!
2.1.2015-4:56
Hanna
Nochmal herzlichen Dank für die Hilfe und du hast einen sehr tollen Blog ! (:
26.11.2011-16:21
Gartenfee
Hi, bist du gar nicht mehr hier am Werk??? Das wäre aber schaade.
25.2.2011-23:00
patricia
wie heißt deine lehrerin!!!!!!!!
1.3.2008-16:20
NIcole
Hey, ich find das super das Du Dich durchgesetzt hast bei den anderen Müttern. Ist doch egal was die sagen. Bin stolz auf Dich. lieben Gruß
NIcki
30.3.2007-9:25