Ausgewählter Beitrag

zauberbunt & knisterlaut

Den Versuch, anderen Menschen erklären zu wollen, was in meinem Kopf geschieht, habe ich längst aufgegeben. Gerate ich - meist durch Zufälle - auf das Thema Synästhesie, beschreibe ich gar nicht erst, welch Gedankendurcheinander in meinem Kopf herrscht, da ich zu oft Menschen gegenübersaß, denen ich ansah, dass sie mich - na, im besten Falle - für seltsam hielten.

An guten Tagen ist mein Kopf ein eigenes, wunderbares Naherholungsgebiet und die Farbenfülle lässt mich gedanklich gleichsam wie durch eine üppige Blumenwiese laufen.
An schlechten Tagen verlier ich mich im Farbendurcheinander und das Spektrum all der Töne macht mich wahnsinnig.

Was zum einen eine Fähigkeit ist, die hilfreich sein kann, um sich rasch und schnell zu strukturieren, sich an Begebenheiten, Dinge, Zahlen und Fakten zu erinnern, kann zum anderen auch viele Stolperfallen bilden und das Orientieren im Farben-, Formen- und Geräuschewust ermüdet und erschwert das Fokussieren.

Zu viel muss an schlechten Tagen herausgefiltert werden, die Sinnes- und somit Reizüberflutung strengt mich an.
Ich strenge mich an.
Nicht im Sinne von: Ich gebe mein Bestes! Nein, es ist eher so, dass mein Kopf, meine Gedanken, meine Sinne mich anstrengen.
Ich bin mir selbst zu anstrengend.
An diesen Tagen möchte ich meine Gedanken nicht in Farben sehen, sortiert haben, erblühen und glänzen. Ich möchte keine weiteren Töne in meinem Kopf hören, weil die Umwelt mir schon genug zu lauschen gibt und ich es müde bin, blitzschnell aussortieren zu müssen, was relevant ist und was überflüssiger
Ballast, den mein Kopf mir ungefragt zumutet.

Andererseits bietet mein Kopf mir durch die Sinnesüberschneidungen viele wunderbare Momente und Erlebnisse - nur, sie mit anderen zu teilen ist schwierig - da nicht jeder Mensch in Farben denkt und fühlt.

Ich schrieb an anderer Stelle bereits, dass die häufigste Reaktion in Gesprächen die Frage nach der Farbe des eigenen Namens ist.
Origineller wurde es bislang nie.
"Echt? Kannst du meinen Namen auch in einer Farbe sehen? In welcher?", möchten ganz viele Menschen wissen und meist erfülle ich ihnen den Gefallen und antworte.
Auch, wenn ich mir dabei wie ein geblümtes Zirkuspferd vorkomme.

Bislang hat es mich nie gestört, eine synästhetische Veranlagung zu haben. Es war halt so. Ich musste erst dreißig Jahre alt werden, ehe mir bewusst wurde, dass nicht jeder Wörter in Farben und Klängen sieht und hört.
Ich kannte es nicht anders und es störte mich nicht.

Erst mit zunehmenden Alter wurde es mir hin und wieder beschwerlich. Mein Kopf erscheint mir zu voll, ich möchte sie raushaben aus mir, all die Farben und Klänge, weil ich den Eindruck habe, nicht mehr zur Ruhe zu kommen.

Ich bin mir zu viel.

Obwohl Farben etwas unglaublich Zauberhaftes sind und Töne wunderbar sein können, macht die Mischung und Überschneidung das Leben hin und wieder einfach auch anstrengend.
Und manchmal merke ich an den Reaktionen anderer Menschen, dass sie nicht nachvollziehen können, wie ich mit Erlebnissen umgehe oder in bestimmten Situationen reagiere.

Es ist als dächte man jeden Gedanken dreifach. In 3D oder 4D. So regnet es im Kopf, während die Kirchenglocken läuten, mir jemand in den Arm kneift und ich in tiefes Gedankenblau stürze.

OHNE, dass ich Einfluss darauf habe, es geschieht einfach so, immerzu, mit jedem Gedanken, jedem Wort, jedem Eindruck,

Früher - wie das klingt, als gäbe es ein anderes Leben vor diesem, meinem jetzigen - habe ich den Rausch der Farben genossen. Alles war immerzu zauberbunt und knisterlaut, aufregend, bereichernd, erfüllend, belebend. Eben berauschend.
Ein Gedicht zu lesen oder es auswendig zu lernen war ein Genuss, verbunden mit all der Farben- und Klängepracht.

Heute habe ich manchmal den Eindruck, dass die Kraft der Worte verloren geht, wenn ich die Farben und Klänge zu sehr wahrnehme. Und dann ärgere ich mich über diese pessimistische Einstellung und wünsche mir das halbvolle Glas zurück, das im Grunde noch nicht halb leer getrunken ist.

Positive Gefühle werden dreifach beglückend wahrgenommen - das ist ein Geschenk. Führt  jedoch häufig dazu, dass ich in freudigen Situationen auf andere Menschen eher übertrieben wirke.
Negative Gefühle ziehen mich aber auch direkt drei- oder vierfach herunter und das Aufstehen ist auch ein wenig mühsamer.

Oder anders: Es kommt mir so vor.

Schon oft habe ich versucht, in Worte zu fassen, was da eigentlich los ist, in meinem Kopf, aber es gelingt mir nur unzureichend, weil die Gedanken sich nicht in diese farblosen Worte fassen lassen.

Nachts stiefele ich durch meine bunten Gedankenwelten und selbst in den schlaflosesten Nächten wird es mir nicht langweilig.
Und ganz oft denke ich dann, dass dies die einzige Welt ist, die ich für mich alleine habe.
In die noch nie jemand mit mir gekommen ist.

Meine zauberbunte Alleinwelt.

Nun einmal hier herausgeholt, aber direkt wieder in mir verschlossen.
Eben einfach Alltag.
Meine kleine Alltagswelt.

Ich nehme an, so eine hat jeder, irgendwie....

augenBloglich 19.04.2016, 16.47

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Kommentare zu diesem Beitrag

1. von Pia

Das war sehr interessant zu lesen. Vielen Dank für diesen kleinen, intimen Einblick.



vom 12.09.2016, 22.25
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Das war sehr interessant zu lesen. Vielen Dan
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Marie
Toll, dass Du wieder bloggst!
Ich wünsche Dir ein frohes neues Jahr und hoffe, ich lese Dich nun wieder regelmäßig!
2.1.2015-4:56
Hanna
Nochmal herzlichen Dank für die Hilfe und du hast einen sehr tollen Blog ! (:
26.11.2011-16:21
Gartenfee
Hi, bist du gar nicht mehr hier am Werk??? Das wäre aber schaade.
25.2.2011-23:00
patricia
wie heißt deine lehrerin!!!!!!!!
1.3.2008-16:20
NIcole
Hey, ich find das super das Du Dich durchgesetzt hast bei den anderen Müttern. Ist doch egal was die sagen. Bin stolz auf Dich. lieben Gruß
NIcki
30.3.2007-9:25