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Ausgegospelt

Ich muss dringend an meiner Erwartungshaltung arbeiten.
Erwartungen an andere Menschen und Ereignisse können ziemlich direkt in Enttäuschungen münden.
Nicht, weil andere oder anderes die eigenen Erwartungen nicht erfüllen konnte, sondern weil ich selber mich mit dieser Erwartungshaltung immens einschränke.

Dabei dachte ich, ich sei offen und freute mich somit über die Karte zu einem Konzert der Original USA Gospel Singers.
Gestern Abend war es dann so weit.

Mit einer lieben Freundin fuhr ich zum nahegelegenen Festspielhaus in gespannter Erwartung dessen, was uns erwarten würde.
Meine ureigenste, nicht bewusst initiierte, einfach in mir aufgekommene Erwartung war, es würde ein mitreißender, beschwingter, seelenberührender und inspirierender Abend.

Es kam anders.
Zunächst irritierte uns die Leere der Ränge. Vermutlich war das Theater nicht einmal hälftig gefüllt und wir überlegten, woran das liegen könnte - schoben es auf die Eintrittspreise.
Mein lediglich zur Hälfte geleertes Glas Sekt ließ ich im Foyer stehen, damit wir rechtzeitig in den Innenraum kamen.
Ich sollte es bitter bereuen.

Die Leere also irritierte uns, aber wir erfreuten uns daran, dass wir das Durchschnittsalter auf 65 senken konnten.

Und dann kam der Rauch.

Also offensichtlich hatten die Akteure eine neue Nebelmaschine und wollten sie uns dauerhaft und intensiv vorführen.
(Ich war sehr froh, dass es lediglich eine Nebelmaschine und keine Schaummaschine war.)
Glücklicherweise nebelte es eher linksseitig und wir saßen rechts, mein Asthmaspray hatte ich dennoch griffbereit.

Warum auch immer, ich nahm an, nun würden sehr sehr viele Sänger und Sängerinnen die Bühne betreten und als es dann lediglich drei Frauen und Männer waren, erstaunte mich das etwas, aber vielleicht war das ja nur die Vorhut und die anderen kämen später.

Nun, die anderen gab es nicht, aber das ging mir erst nach einer Stunde auf.
Mittlerweile war ich latent genervt, da die einzige schreiende und kreischende Dame des gesamten Publikums ausgerechnet hinter mir saß und das, obwohl hunderte Plätze frei geblieben waren.

Ich wusste nicht, dass Gospel Sänger Groupies haben, aber diese Frau zumindest uaaaahte bei jedem Lied lauthals und ich musste mich sehr zusammenreißen, um sie nicht zu bitten in anderer Menschen Ohren zu schreien.

Auf der Bühne tobten derweil die sechs Akteure in verzweifelt anmutenden HIP HOP Bewegungen über das Parkett und ich wartete auf den inspirierenden Moment, in dem mich die Lust überkam rhythmus mitzuklatschen.

Der Sound klang blechern und die Akteure muteten aufgesetzt und theatralisch, nicht aber leidenschaftlich und musikbegeistert an.

Nachdem die Musik mich nicht in ihren Bann ziehen konnte, beobachtete ich fasziniert die Dame vor mir, die immer genau dann klatschte, wenn es so gar nicht passte.
Nicht, dass das viel ausgemacht hätte, aber die Konstanz der Unrhythmik hatte etwas Magisches.

Ein kleiner Panikanfall überfiel mich, als einer der Sänger fragte, wer mit ihm tanzen wolle.
Ich meine, wir saßen ganz vorne, neben uns Menschen nahe der 80 und ich sah mich schon auf die Bühne gezerrt werden.
Wahrscheinlich schnitt ich eine derart erschrockene Mine, dass man mich nicht in die engere Wahl nahm, sondern kindergottesdienstgleich nur dazu animierte, die Arme im Bogen zu bewegen.
Hätte ich dies getan, hätte meine Freundin nun einige Blessuren, aber glücklicherweise konnte ich mich beherrschen und schaute gequält dem mühsamen Spektakel zu.

Musik begeistert mich in der Regel sehr schnell, es fließen oft Tränen und ich lasse mich gern und rasch berühren und mitreißen.
Gestern nicht.
Ich wartete verzweifelt auf diesen Moment und nahm an, es läge an meiner Kirchenferne.
Doch meine Freundin, in diesem Bereich anders aufgestellt als ich, wurde auch nicht gefangen genommen und schaute ebenfalls nahezu gequält bis fassungslos dem Treiben auf
der Bühne zu.

Die Stimmen, an sich wunderbare Stimmen, konnten  nicht fesseln, berühren oder bannen, da die hektische und  unpassende Choreografie ablenkte, die Stimmen den Saal nicht füllen konnten und man den Eindruck hatte, da singen Menschen, weil sie müssen, nicht, weil sie wollen oder können.

Zwischenzeitlich, bei einer ganz üblen Performance, dachte ich sehnsuchtsvoll an mein nur halb geleertes Glas Sekt.
Nicht, dass es den Abend hätte retten können, aber vielleicht wäre ich ein wenig gnädiger in meinem Urteil gewesen.

Die Nebelmaschine gab alles, ich verstehe nun auch warum, so mussten die Sänger nicht sehen, wie wenig Menschen im Publikum saßen.
Ich klatschte hier und dann unbegeistert mit, einfach aus Höflichkeit, weil mir die Akteure irgendwann leid taten.

Und dann erlöste uns die Pause.
Mein rechtes Ohr war durch das Schreien meiner Hinterfrau nahezu taub und mein erster Blick beim Hinausgehen ging in die Reihe hinter mir, um zu sehen, wer da derart hysterisch mitschrie.
Vielleicht verwechselte die Dame die Gospler ja auch mit einer bekannten Boygroup, wo das Teenieschreien explizit dazugehört.
Ich wartete nur noch auf: "Ich will ein Kind von dir!"

Ich nehme an, das kam  im zweiten Teil, den nämlich schenkten wir uns.
Heimlich, still, leise und vor allem sichtlich erleichtert verließen wir den Ort des Geschehens. Darin sind wir sehr geübt. Ein nackter Steppenwolf hatte uns auch schon einmal in die Flucht aus den Theaterräumen geschlagen.
Das Nacktsein, das muss ich zugestehen, wurde uns gestern erspart.

Den restlichen Abend verbrachten wir in einer netteren Umgebung bei einem wunderbaren Frauengespräch.

Das hätten wir auch einfacher haben können!

augenBloglich 18.01.2015, 12.05

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Kommentare zu diesem Beitrag

2. von Valessa

singerSSSS meinte ich natürlich :)

vom 18.01.2015, 15.46
1. von Valessa

Oh weh!
Ich war schon oft bei Gospelkonzerten! Harlem Gospel Singer und so... Aber so etwas bitteres habe ich noch nie erlebt. Ein Fehlkauf, wie schade!!!

vom 18.01.2015, 14.02
Internes
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Marie
Toll, dass Du wieder bloggst!
Ich wünsche Dir ein frohes neues Jahr und hoffe, ich lese Dich nun wieder regelmäßig!
2.1.2015-4:56
Hanna
Nochmal herzlichen Dank für die Hilfe und du hast einen sehr tollen Blog ! (:
26.11.2011-16:21
Gartenfee
Hi, bist du gar nicht mehr hier am Werk??? Das wäre aber schaade.
25.2.2011-23:00
patricia
wie heißt deine lehrerin!!!!!!!!
1.3.2008-16:20
NIcole
Hey, ich find das super das Du Dich durchgesetzt hast bei den anderen Müttern. Ist doch egal was die sagen. Bin stolz auf Dich. lieben Gruß
NIcki
30.3.2007-9:25