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Selbstsucht

Der Regen kommt unerwartet und dicke Tropfen scheuchen die Menschen auf,
die ihr abendliches Essen unter freiem Himmel genießen wollten.
Die Gemächlichkeit des frühend Abends verliert sich in hektischem Stühlerücken
und Unterstellen.
Die meist weiß gekleideten Frauen fürchten um ein Regendesaster und halten 
schützend ihre Taschen vor den Brustkorb.

Ich stehe unter einem Torbogen und schaue gespannt zu, wie schnell sich die
Szenerie verändern kann.

So plötzlich wie er kam, hört der Regen auch wieder auch und schon bald fließt
wieder alles in ruhiger und gelassener Gemächlichkeit dahin.

Es riecht nach frischem Regen und der Geruch nimmt dem See die Süße und
Schwere.

Ich sitze auf einer Bank am See und habe den Vorwurf erwartet.


In den Urlaub zu fahren und darüber auch noch expressiv zu berichten, steht in massivem Kontrast zu dem, was gerade in den Hochwassergebieten
in Deutschland geschieht und dann wäre da natürlich auch noch diese weltweite Pandemie, ob ich dies alles vergessen hätte?

Selbstsucht, so schreibt man mir, macht auch den schönsten Menschen hässlich und dem schließe ich mich uneingeschränkt an.

Nichtsdestotrotz kann ich nicht verleugnen, dass ich - wie vielleicht durchaus jeder Mensch - hin und wieder zur Selbstsucht neige, ja vielleicht gar egonzentrische Wesenszüge mein eigen nenne, mit einem Hauch von Narzissmus.
Das ist nichts, was mich stolz macht, eher Eigenschaften, mit denen ich Zeit meines Lebens ringe.

Ich weiß um meine Schwächen, ich kenne sie besser, als ich meine Stärken je kennen werde, denn ich gebe ihnen täglich gedanklichen Raum, während ich meine Stärken gern vernachlässige.

Ja, es ist selbstsüchtig in den Urlaub zu fahren, während anderen Menschen gerade immens Schlimmes widerfährt. Es ist möglicherweise unvernünftig während einer weltweiten Pandemie zu verreisen und ja, ich stehe mir gerade sehr nahe.

Bevor ich die Reise antrat, habe ich all das bereits mit mir diskutiert.
Ich habe den Vorwurf erwartet, denn er steckt tief in mir selbst.

Ich habe nicht die Absicht, mich an dieser Stelle zu rechtfertigen, aber ich kann meine Gedankengänge darlegen.
Hilft es den Menschen, denen es irgendwo auf der Welt - ich möchte das gar nicht  nur auf die deutschen Hochwassergebiete beschränken - hilft es den Menschen, wenn ich meine Reise nicht antrete?
Fühlen sich diese Menschen durch mich und diese Reise respektlos behandelt?
Gibt es etwas, das ich für diese Menschen tun kann?

Diesen Fragen habe ich mich bezüglich der Hochwasserkatastrophe gestellt und für mich beschlossen, dass es niemanden hilft, wenn ich die Reise nicht antrete.
Dass es eine Respektlosgkeit sein kann, ja, das verstehe ich, insbesondere das Schreiben über meine Seelenreise, während andere Menschen momentan nicht einmal wissen, wohin ihre Lebensreise gehen wird.
Ich könnte nun argumentieren, dass es immer so sein wird im Leben, weil es immer Menschen gibt, die gerade in einer Krise stecken, die gerade Hab und Gut verloren haben, die gerade tödlich erkrankt sind, die nicht wissen, wie es weiter geht.

Aber das ist eine simple, plakative Argumentation und die möchte ich nicht nutzen.

Aber ich bin überzeugt davon, dass jeder Mensch für sich und in seiner Verantwortung seinen Lebensweg gehen wird und gehen muss.
Manchmal ganz unabhängig von anderen Menschen und deren Zustand, deren Befindlichkeit, deren Leben.

Und mir dieser Verantwortung voll und ganz bewusst sein, habe ich meine Reise angetreten.
Mein Verhalten passe ich den Umständen der Pandemie an, so wie wir alle - oder ein Großteil der Menschen - das seit vielen Monaten breits praktizieren.

Also ja, ich bin selbstsüchtig. Ich bin egoistisch und manchmal auch narzisstisch.
Ich habe beschlossen, dass mir, mir ganz allein und niemanden sonst diese Reise gut tun wird. 
Und dem ist so, die Menschen aus dem Hochwassergebieten fest in meinen Gedanken und meinen Herzen und was ich für sie tun kann - auch aus der Ferne - das gehe ich täglich an, so, wie ich es zu Hause täte, allerdings derzeit mit einem wesentlich besseren Ausblick.

augenBloglich 28.07.2021, 11.44

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Hanna
Nochmal herzlichen Dank für die Hilfe und du hast einen sehr tollen Blog ! (:
26.11.2011-16:21
Gartenfee
Hi, bist du gar nicht mehr hier am Werk??? Das wäre aber schaade.
25.2.2011-23:00
patricia
wie heißt deine lehrerin!!!!!!!!
1.3.2008-16:20
NIcole
Hey, ich find das super das Du Dich durchgesetzt hast bei den anderen Müttern. Ist doch egal was die sagen. Bin stolz auf Dich. lieben Gruß
NIcki
30.3.2007-9:25